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2016

Beitrag zur Radio Eins Anthologie „Moment Mal – Was die Zeit mit uns macht“
(Rowohlt Verlag 22.9.2017)


21.Dezember 2016

Heute letzte Besorgungen für Weihnachten. Kopfhörer für J. Noch Kleinigkeiten für C. und S. Am Alex bei Deiki vorbei und kurz geschnackt. Schlechte Geschäfte wohl auch wegen Breitscheidplatz. Überlegt dieses Jahr früher abzubauen. Auf dem Rückweg dann Baum gekauft. Zu Hause Anruf von TB mit Anfrage wg. Text für Radio Eins – Anthologie. Beitrag zum 20. Jubiläum zum Thema „Zeit“. Klang gut. Jahresrückblick? Hab mir Bedenkzeit ausgebeten. Deadline Ende Januar.


22. Dezember 2016

Abends Besuch von Henning. Beim Musik hören - Young Thug, Bonnie Raitt, Robin Pecknolds „Fox Song“, Little Jimmy Scott – nochmal über die Verstorbenen des Jahres gesprochen. Wie eine Epidemie. Aussterben des seelisch-(pop)musisch – dichterischen Know-hows des 20.Jahrhunderts. Bowie, Prince, Alan Vega, Claus Ogermann, Prince Buster, George Martin, Leon Russell, Ali, Cohen. U.s.v.a. Als würden die Herzen schlapp machen, nicht mehr dagegen ankommen, angesichts des Wahnsinns draußen. „Dear Friends, there are very few of us left....“ Auch Dylan - Nobelpreis, nicht nur Jahrzehnte verspätete Bankrotterklärung der literarischen Welterkenntnis, sondern eben auch wie ein Grabstein. Darum sein uncooles Rumdrucksen, nicht ran und hin gehen wollen. Natürlich ist er größer als der Preis. Trotzdem lame. Warum nicht absagen? Stattdessen Patti Smith vorschicken. Als Opferlamm. Folgerichtig ihr Hänger bei „I saw the babe that was just bleeding“. Einer Zeile, die es gar nicht gibt im Song. Nur das „new born baby with wild wolves around it“ am Anfang der Strophe. Freudsche Fehlleistung als Richtigstellung. Versuch, sich einzuschreiben in den (Quell)Text der Vaterfigur. Gleichzeitig Widerstand gegen das Ritual. Gebrochen vom wohlmeinenden Applaus des Komitees. Mit den Wölfen heulen. Später nochmal kurz gestockt und dann die Kurve gekriegt bei „ ... nobody was listening“. Wahrheit der Toten.


23. Dezember 2016

Letzte Vorbereitungen für morgen und allerletzte Besorgungen auf dem Markt. Jetzt doch Ente statt Gans. Kein Grünkohl. Baum steht. C. und J. wollen morgen schmücken. Chill your life! Geht klar. Freu mich. Nachmittags Lemon Twigs im Radio gehört! Albumsound sucks. Nichts im Vergleich zu Liveclips auf You Tube. „These Words“(Live on 89.3 The Current) und „Haroomata“ (Live at the Echo). Immer noch großer Spaß und Freude. Sieht aus wie Retro, klingt wie Retro, ist aber kein Retro. Nochmal über Facebook Post mit You Tube Link nachgedacht: Future of Rock’n’Roll, somebody? # Lichtblick 2016. Dann doch nicht. Zu spät. Facebook kann weg.


25.Dezember 2016

George Michael gestorben. Herzversagen! Last christmas. Bin ich zu erschöpft zum Traurigsein? Oder zu weit weg? Trotzdem Schock. Was für ein Jahr! Morgen nach Bielefeld. Vielleicht Treffen mit Markus. Ist schon seit letzte Woche da. Hab das erste Mal bei ihm Wham! auf BFBS gehört. Und nicht gemocht. Erst später. Careless Whispers. Praying for time. Jesus to a child. Ach, Ach und Ach. Doch traurig. Schöne Seele.


28. Dezember 2016

Heute länger mit Markus telefoniert, nachdem Treffen in Bi nicht klappte, weil entweder er oder ich mit Familie unterwegs. Komisch, man ist in derselben Stadt und kommt trotzdem nicht zusammen. Man lebt eben nicht nur in anderen Welten, sondern auch in anderen Zeiten. Erzählte von Kinobesuch mit Alex vor Weihnachten. Toni Erdmann. Hatten gelesen wie witzig, anrührend und tiefgründig der Film sei. War wohl eher das Gegenteil. Aber wieso dann Cannes und Europäischer Filmpreis in Polen? Seine These: Europa lacht ein letztes Mal über die häßlichen Deutschen. Notwehr der Abgehängten. Ob ich „Dirty Grandpa“ schon gesehen hätte? Wen? „Dirty Grandpa“!! Der wichtigste Film 2016. Nein, nie gehört. Mit De Niro und Zac Efron. Zac Efron?! Ja, natürlich! Der mit Abstand lustigste und eleganteste Film des letzten Jahres. So geht Erdmann. Sehr stumpf, aber schlau. Mußt Du sehen! Na dann.

Über die Feiertage TBs Anfrage ganz vergessen und nicht drüber nachgedacht. Ob Text und wie? Muß mich mal melden.


29. Dezember 2016

Sylvester bei Bert und Rike steht. Wird wohl eher kleine Runde mit Kids. Fine mit mir! Muß Andrea und Ronald noch absagen! Baguettes und Berliner vorbestellen (reicht morgen) und Getränke besorgen. Würde gern auf Ballerei verzichten wg. letztes Jahr: Raketenquerschläger am Kopf und brennende Nachbarwohnung später. Ganz vergessen! Schon so lange her? Kommt mir jetzt wie gestern vor. Aber J. ist schon voll bei der Sache und drängt auf Einkauf. Vielleicht lauf ich mit Helm auf?!


30. Dezember 2016

„Otis“ – Flashbacks wg. Darts WM. Unerwarteter Taylor – Durchmarsch. Heute gegen Barney. Der Postbote. Trotzdem nicht interessiert. Mag Van Gerwen nicht. Soll aber nett sein.

„Männer der Tat, die sich in ihr Schicksal gefügt und das Trauma ihrer Entwaffnung spielerisch hinter sich gelassen hatten. Im letzten Refugium wahrer Männlichkeit. Der Kneipe.“ Nichts für Trump und seine Brüder im Geiste. PutinErdogan. Pres. Elect wie Nero. Oder Caligula? Narzißtisch-perverser Borderliner. Geschichte als Farce? Schön wär’s.


2. Januar 2017

Noch keine Idee/Zugang für Zeit - Text. Vielleicht naturzyklische Zeitwahrnehmung (Sonnenauf-/untergang, Jahreszeitenwechsel, Geburt und Tod, aufgehoben sein im „Ewigen Kreislauf des Lebens“), Orientierung in und durch Zeit vs. Gefühl linear – voranschreitender Zeit ab Erfindung mechanischer Uhren. Zeitenwende des Mittelalters. Taktung der Zeit. Kirchtürme wie Stechuhren. Zeit wird Geld. Planbarkeit der Zukunft und geregelte Arbeitszeiten als Bannungsversuche der Kontingenz. Messbarkeit der Zeit in immer kleineren , präziseren Einheiten als Beschleuniger. Zeit rast. Aus der Zeit fallen. Keine Zeit mehr.


3. Januar 2017

Anspruch und Wunsch des Menschen, das eigene Leben planen, beherrschen und gegen alles Unvorhersehbare regeln zu können, galt in der Antike als Hybris gegen die Götter. Heldensagen und Mythen sind voll davon, wie die „Vermessenheit“ der Menschen von den Göttern bestraft und schicksalshaft zum Scheitern verurteilt wird. Warum?


5. Januar 2017

Draußen alles weiß! Der erste Schnee! Fällt und fällt. Schönster Anblick. Gleich raus.


6. Januar 2017

Schicksal ist ein Konzept, in dem das körperlich-organisch-triebhafte Gebundensein des Menschen in die natürliche Ordnung durch psycho-dynamisch-libidonöse Faktoren zu denken versucht wird. Unsere naturgegebene Körperlichkeit und ihre lebenszeitliche Entwicklung (Seele?), die sich allen Berechenbarkeiten widersetzt, ihnen quasi einen Strich durch die Rechnung macht. Schicksal sagt: Nicht unsere Planung, Berechnungen oder Timemanagment, sondern wer wir (warum auch immer) in der Zeit sind, entscheidet über den weiteren Verlauf unserer Existenz. Strafe der Götter (Triebkräfte, Affektlagen, Psychosomatik) für die Anmaßung falscher Selbstbilder, durch die wir vergessen haben, wer wir sind, was wir brauchen und wirklich wollen. Emotionale Unmündigkeit der Spätmoderne.


7. Januar 2017

Dirty Grandpa gesehen. Sehr witzig.
Wertung bei Rotten Tomatoes:
Schlechtester Film aller Zeiten.


8. Januar 2017

Schicksal 2.0

Das binäre Schwarz–Weiß-Denken der digitalen On/Off-Internetkultur mit seinen trügerischen Verheißungen von Freiheit und Transparenz als Versuch, die vitalen Kräfte, Energien, E-motionen des Begehren durch Algorithmen und erhöhte Rechenleistung in den Griff zu kriegen. Aus Angst vor dem Unberechenbaren der Gefühle wird mittels immer engmaschigerer Rasterungen versucht, das „nicht festgestellte Tier“ durch für uns vor-gesehene, vor-programmierte Optionen, Links, Angebote (Shopping-, Datingportale, etc.) zu domestizieren. Bis sie keine Macht mehr über uns haben. Vaterkomplex des Silicon Valley. Dabei wird das Nichtfassbare, Scheinunsichtbare des Netzes selbst in den Rang des Schicksalshaften, Unabwendbaren erhoben und von den Zauberlehrlingen und Götterboten des Digitalen hilflos bestaunt. Etwas dem wir nicht mehr entrinnen können. Geister, die wir riefen. Dem über uns in den Clouds verhängtem Schicksal 2.0 entspricht das Starren in Smartphones wie in Hadeseingänge.

P.S. „Burning man“ sieht aus wie „Mad Max“. Da soll es hingehen? Da wird es hingehen. All the (SciFi-) Cliches are true... Soilent Green ist Menschenfleisch – Aus artgerechter Haltung.


10. Januar 2017

Das im digitalen Kapitalismus unter Verschluss gehaltene Begehren findet sein Ventil in den ins impulsiv-rächerische gekippten Affektentladungen der Troll-, Hater- und Mobbing – Kultur des Netzes und seiner medialen Zulieferer in den Redaktionen und TalkShows. Der Hass der identitären Meuten (Trump, AfD, Isis) nichts anderes als verschobener Selbsthass. Trial and Error der emergenten Ordnungsversuche der sozialen Medien.


11. Januar 2017

Anstelle des Glücks, das immer gegen die Zahl stand, sich nicht berechnen oder vorhersagen läßt, ist der Erfolg getreten, der ganz in der Zahl aufgeht. Messbar in Gewinnermittlungen, Klickraten und Likes. Durchwinken und Erfolg belanglosester Kulturprodukte wie Schweigegeld. Das Nichtssagende wird honoriert.


13. Januar 2017

Gestern bei David und Sandra zum Essen. Im Gespräch mit angenehm urteilskräftiger N. seit Jahrzehnte zum ersten Mal den Namen „Lords of the new church“ wieder gehört. Sofort Bandnamen wie „Peter and the Test Tube Babies“, „Pille Palle und die Ötterpötter“, „Carter the Unstopable Sexmachine“, „Godspeed You! Black Emperor“, „Zodiac Mindwarp“ und den Begriff „Grebo“ lauthals erinnert. Zeitreise in eine vergessene Welt.


15. Januar 2017

Angesichts der Tatsache, daß ausgerechnet Vladimir Putin, der doch längst aus dem Game war, der größte, wenn nicht einzige Profiteur der derzeitigen Lage (Ukraine, „Flüchtlingskrise“, Spaltung Europas, Türkei, Syrien, Brexit, Trump) ist, stellt sich langsam folgende Frage: Merkel, Schläfer des KGB/FSB?


17. Januar 2017

Zeit ist immer dann wichtig, wenn man sie nicht hat.


19.Januar 2017

Muß TB Zeittext doch absagen. Unangenehm, aber nicht anders zu machen. Mir fällt nichts dazu ein.





LERCHENLIEDER

Playlist für das „Lerchenfeld“ - Magazin der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Oktober 2017


1 Anton Webern - Entflieht auf leichten Kähnen

Guter Opener für ein Mixtape oder Playlist, um dann mit „Kaval Sviri“ von „Le Mystere Des Voix Bulgares“ oder Nick Drakes „Riverman“ zu „Hobo Heart“ von Van Dyke Parks und Brian Wilson überzuleiten. Oder zu:


2 The Trashmen – Surfin Bird

Klassiker aus dem Jahr 1963. Bird is the Word! Apropos Words...


3 The Lemon Twigs – These Words

Die Lemon Twigs waren 2016 für kurze 4 Monate die Hoffnung des Rock’n’Roll. Die Geschichte der Band um Brian und Michael D’Addario ist nicht zu toppen: Ein Brüdergespann aus Long Island, das sich bereits im zarten Alter von 4 und 6 durch die Schallplattensammlung der Eltern ( Beatles, Beach Boys, Big Star, Todd Rundgren, etc.pp.) dauerdurchgehört hat und so quasi mit der Muttermilch die Grundlagen von Songwriting und Arrangementkunst der 60er und 70er Jahre eingesogen hat. Erste musikalische Gehversuche als 6- und 8- jährige mit dem Rap - Track „Live Large“. In der Grundschule spielen sie mit ihrer Band „Members of the Press“ erstaunliche Coverversionen von u.a. „The Who“, „Pink Floyd“ und den „Beach Boys“. Gründung der „Lemon Twigs“ dann 2015 im Alter von 14 und 16. Ihr Debut - Album „Go Hollywood“ erscheint zwei Jahre später. Platte leider unhörbar wegen der dümmlich - ambitionierten Vintage - Produktion des Westcoast - Möchtegerngenies und Talentneiders Foxygen. Darum lieber die Radio - Live-Mitschnitte bei 89.3 The Current und 885 KCSN (auf You Tube) hören und zusehen wie Michael D’Addario am Schlagzeug seine Sticks verliert und trotzdem weiterspielt. Süß! Mahnfaktor: Sofia Coppola - und Wes Anderson - kompatibel. Vorbote: Auf US - Tour mit Phöenix (grusel).


4 James Blake – Retrograde

Oldie but Goldie der Generation „Short Attention Span“ aus dem Jahr 2013. Darum nochmal kurz vorm vergessen werden hören. Unerwartet tiefes Stück des durch seine Feist-Coverversion („Limit to your Love“) berühmt gewordenen, Kopfstimmencrooners. Auf Platte leider zugematscht durch falsche, zu ausgestellte „Prophet“ – Keyboard - Produktion. Also ebenfalls gerne und ausdrücklich in der (KEXP) Radio - Live Version hören und merken wie der Song durch einen Spielfehler am Anfang an Dringlichkeit gewinnt. Wir erinnern uns: Manche Fehler stehen lassen. Bloß welche? Diese Art von zivilisationsmüder, knapp - suizidaler Tieftraurigkeit können nur die Briten. #Brexit


5 Hailee Steinfeld – Love myself

Perfekt gebauter Welthit des ehemaligen Kinderstars („True Grit“). Aus der Rubrik „Song gewordene Masturbationsphantasie“. So wie Joni Mitchells „Taming the tiger“ („You cannot tame the tiger“) oder „Tragedy“ von den „Bee Gees“ („Night and day there’s a burning deep inside of me/ burning love with a yearning that wont let me be/ Down i go and i just can’t take it all alone.... Tragedy, when the feeling’s gone and you cant go on...“) LOL


6 Cheap Trick - Surrender

Zuletzt gehört in der „Live From Daryl’s House“ – Version. Ein interessantes Internet - TV Format, bei dem der Gastgeber der Show Daryl Hall, bessere Hälfte des erfolgreichsten Duos der amerikanischen Popgeschichte „Hall and Oates“, verehrte und befreundete Musiker in seine Scheune einlädt, um gemeinsam mit ihnen ihre Stücke zu spielen und ein paar Anekdoten zum besten zu geben. In dieser Version erhabenes Zeugnis juvenilen Hardrock-Wisdoms. „Mommy’s alright, Daddy’sy alright, they just seem a little weird/ Surrender, surrender, but don’t give yourself away!“


7 Young Thug - Riri

Die Erfindung der Liebe, des bis heute für uns gültigen Ideals einer auf gegenseitiger Zuneigung der Geschlechter beruhenden Liebeswahl, läßt sich zurückdatieren auf die zwei Jahrhunderte dauernde Epoche der Kreuzzüge des Hochmittelalters. Durch die kriegsbedingte Abwesenheit der Fürsten, Herzöge, Ritter und Könige ergab sich zwischen 1090 und 1290 erstmals ein anhaltender realpolitischer Machtzuwachs der höfischen Frauen, denen als Statthalterinnen ihrer Gatten, Brüder und Väter die Weiterführung des politischen Alltagsgeschäfts zufiel. Anhand der zeitgleich in Südfrankreich entstehenden, altokzitanischen Liebeslyrik der Troubador, läßt sich ablesen, wie diese neue Stellung der Frau zu einer ebenso neuen Vorstellung vom Kräfteverhältnis der Geschlechter, neuen (Selbst-) Bildern von Mann und Frau und einem sich wandelnden Rollenverständnis bei Hofe führte. Gegen den Einfluß der katholischen Kirche und ihrer sexualfeindlichen Doktrin einer nur auf Gott gerichteten Liebe, setzt sich in der höfischen Kultur Südfrankreichs das Ideal einer ritterlich-dienenden Anbetung der Frau und die Abkehr vom Bild der Frau als Beute, Prämie oder Verhandlungsmasse territorialer Joint-Venture- Interessen durch. Liebe wird Mode, die Frau zum Ideal des Mannes und entscheidet jetzt selbst, wem sie ihre Gunst erweist. Dieses neue Liebes – und Rollenverständnis wird durch die Neuvermählung der vormaligen französischen Königin Eleonore von Aquitanien (1122 – 1204) mit dem späteren britischen Thronfolger Heinrich Plantagenet nach England expotiert und tritt von dort, in Form von Minnegesang und neuartigen Heldenfiguren (Tristan und Isolde, Don Juan) seinen Siegeszug durch das europäische Festland an.

So wie sich das höfische Bild der „holden Dame“ und des dienstbaren „edlen Herren“ bis in die Emanzipationskultur des 20. Jahrhunderts erhalten hat, lassen sich in den Sängern und Dichtern der provenzalischen Troubadorlyrik wie Alfons von Aragon, Wilhelm von Aquitanien, Jaufre Rudel, Giraut de Bornelh und anderen die Vorläufer einer abendländischen Lied- und Liebeskultur ausmachen, die in der von Blues und Rock’n’Roll geprägten Popkultur des 20. Jahrhunderts seinen vorläufigen Höhepunkt fand.

Der von mir wegen seines exzentrischen Kleidungs- und Gesangsstils geschätzte Südstaaten Rapper Young Thug ist mit seinem Song „RiRi“ nun das jüngste Beispiel eines sich neuerlich wandelnden Rollenverständnis. Noch ganz im Stil der Troubadors und Minnesänger fährt er im ewigen Ringen der Geschlechter von Herabwürdigungen seiner Gegner über Sex- und Statusprotzereien, Beleidigung der Dame, Helfersyndrom, Schwächeeingeständnissen und Einfühlungsvermögen wirklich alles auf, um die Geliebte für sich zu gewinnen. Dabei hat er die Rechnung offensichtlich ohne Cardi B gemacht. Mit ihrem Hit „Bodak Yellow“ zeigt sie ihm und anderen zeitgenössischen Möchtegern-Pussygrappern die kalte Schulter eines neuen weiblichen Selbstbewußtseins.


8 Bernd Stelter - Mahatma

Bernd Stelters Speeddating-Hymne ist leider in Gänze nicht zu ertragen. Die Strophen des Liedes sind an muffigem Altmännerhumor einfach nicht zu überbieten. Der Jürgen von der Lippe von weiter rechts hat aber mit „Mahatma“ einen Karnevalsklassiker geschrieben, dessen Refrain auch an zeitbezogener Medienkritik nichts zu wünschen übrig läßt: „Mahatma Pech, Mahatma Glück, Mahatma Ghandi/ Man weiß im Leben vorher nie genau was kann die/die ganze Wahrheit weiß noch nicht mal der Computer/ kann man vergessen oder eher Kamasutra.“ Kölle Alaf.


9 Pissed Jeans - False Jesii pt.2

Durch die Mix-CD eines Freundes bin ich vor einigen Jahren auf sie aufmerksam geworden. Sehr prägnanter Bandname. Großes, elegantes Stück von bestechendem Charme, Chuzpe und Witz. Vielleicht etwas zu arty. Never forget: Stumpf ist Trumpf. Lustige Videos. Live ein Erlebnis.


10 Trettmann – Grauer Beton

Gerade frisch reingekommen. Ostrock-Flavour meets Dancehall. Glaubwürdig deeper Track. Überraschend schön für deutschen Hip Hop. Denn seien wir ehrlich: Gangster – und Strassenrap hiesiger Provenienz ist trotz produktionstechnisch hohem Niveau hier (Fler) und flowtechnisch interessanteren Momenten da (Haftbefehl, Miami Yacine, etc.) am Ende des Tages auch nur wie RTL2. Bekannt wie die Geissens, aber eben auch genauso häßlich. Bei aller Liebe, es geht nicht. Schlecht für’s Karma. Anders Trettmann mit seinen soulfullen Consciousness -Auslassungen. „Seelenfänger schleichen um den Block und/ machen Geschäft mit der Hoffnung/ fast hinter jeder Tür lauert ’n Abgrund/ nur damit Du weißt wo ich herkomm...).


11 Ella Fitzgerald - Spring Can Really Hang You Up The Most

Zum Niederknien. Die größte Sängerin mindestens des zwanzigsten Jahrhunderts. Nicht nur wegen ihrer perfekten Intonation über drei Oktaven, sondern vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen künstlerischen Intelligenz, mit der sie Stücke von Cole Porter, Duke Ellington, Irving Berlin und den Gershwins sängerisch verantwortet, „ver-körpert“, als wäre sie die Autorin der Werke. Darum „verstehen“ wir jedes Wort. Wie ein Geschenk. Wäre in diesem Jahr Hundert geworden.


12 Coldplay - Oceans

Was haben eigentlich immer alle gegen Coldplay?! Gut, daß sie sich beim Hamburger G20-Gipfel für das Feigenblatt-Konzert „Global Citizens“ haben einspannen lassen, spricht nicht unbedingt für ihr politisches Urteilsvermögen und mag manchem als Ausweis ihres schlichten Gemüts gelten. Dafür sind sie aber die einzigen amtierenden Megaband, die es geschafft hat, dem in Retrospiralen gefangenen Rock der Nullerjahre neue Impulse und weltgemeinschaftstiftende Hits zu liefern. Neigen zwar nicht nur auf der Bühne zu unschöner „Simple Minds“ – Haftigkeit, haben aber auf jedem Album mindestens ein gutes Stück. Zum Beispiel „Oceans“.


13 Missy Elliot- I’m Better

Genial. Ausbund an Eleganz. Mit nichts gemacht. Will man sofort zu tanzen. Aber wie? Natürlich wie die großartige, wundervolle Taylor Pierce! Remember: Anmut = freie Bewegung in der Schönheit.


14 Vlado Perlemuter - Ravels Gaspard de la Nuit

Jetzt mal richtige Musik. OK, vielleicht spielt Ivo Pogorelich (insbesondere „Scarbo“) technisch virtuoser und insgesamt verführerischer, aber Perlemuters Interpretation besticht für mich durch sein klares, würdevolles, an die Mündigkeit der Hörer appellierendes Spiel.


15 Oneohtrix Point Never feat. Iggy Pop – The Pure and the Damned

Irgendjemand sagte mir, ich müsse mir mal Oneohtrix Point Never anhören. Hab ich getan und es nicht ertragen. Dann aber diese Kollaboration mit Iggy Pop für den neuen Robert Pattison Film „GoodTimes“. WOW! Tolles Stück! Und was für ein Text! Große Weisheit des Dummen August. „The Pure always act from Love. The Damned always act from Love. The Truth is an act of Love. That’s Love.“ In diesem Sinne: Danke für die Aufmerksamkeit.


https://www.youtube.com/watch?v=xWqzPwzCQ_c&list=PL8-04n0qmKDSQK3yUL3FNshMg3kV1gPgL




VIDEO GAMES -
JUNGS, DIE NICHT LOSLASSEN KÖNNEN

SFTB-Tour-Tagebuch, April 2016

Während wir auf der politischen Bühne in Gestalt Donald Trumps, Wladimir Putins und Recep Tayyip Erdogans längst die Rückkehr des starken, imperialen Mannes erleben, ist man in laufenden Hollywoodproduktionen und oscarprämierten Blockbustern noch dabei, dieser Wieder – oder Heimkehr der wehrhaft-patriarchalen Hete diverse Erklärungsmodelle zur Seite zu stellen.

In Filmen wie „The Revenant“, „The Martian“, „Mad Max“, „Hail, Caesar!“ und natürlich „Star Wars – The Force Awakens“ geht es durchgängig um die Rehabilitierung einer zuletzt arg in Verruf geratenen Spezies:
Der des weißen, männlichen Heterosexuellen. Ob schockgefrostet im ewigen Winter von Superwildnis oder auf lebensfeindlichen, fernen Planeten von der Mutter der Kompanie scheintot zurückgelassen, auf der Flucht vor Überdaddy und einer Horde nicht zu Ende geborener Zombieföten in der Wüste zur Vernunftehe mit Femenamazonen gezwungen oder noch schlimmer: Auf der Arbeit (Jesus-Film) von Kommunisten entführt. Papi ist in der Postapokalypse verschütt gegangen oder schmollt unauffindbar auf irgendeinem Berg. Was war passiert?

Die Terrorangriffe auf das New Yorker World Trade Center durch eine religiös motivierte Gruppe primitiv-patriarchalisch indoktrinierter Jungmänner, waren vom Westen als genau das antizipiert worden, was sie waren: Massenmörderische Infragestellung einer abendländisch-aufgeklärten Sexual- und Geschlechtermoral und ihrer als degeneriert verteufelten, dominanten Fiktionen von Emanzipation und säkularer Gesellschaft (demokratischer Rechtsstaat). Mit dem Einsturz der jüdisch-christlichen Doppelpenisse, „finanzpolitisches Herz der USA“ und Sinnbild der globalen Hegemonie kapitalistischer Geld-, Waren- und also Libidoströme, waren auch die westlich-tradierten Vorstellungen von Mann, Frau und Familie ins Wanken geraten. Während man auswärts auf Rachefeldzug ging und den Nahen Osten - mit Unterstützung der europäischen Provinzen - ins Chaos zu stürzen begann, wurde den talibanisch-salafistischen Provokationen zu Hause unterschwellig rechtgegeben. Die bis dahin intakten Selbstbilder von Mann, Frau, Liebe und Familie wurden zur Überprüfung ihrer Nachhaltigkeit an die Wiederholungsschlaufen der Serienkultur weitergereicht. Erfolgsformate wie „Mad Men“, „Homeland“, „Game of Thrones“, „Breaking Bad“, „Walking Dead“ oder jüngst auch „House of Cards“ handeln seitdem nicht nur von der Selbstvergewisserung heteronormativer Rollenverständnisse westlicher Prägung (auch bekannt als „Kampf der Geschlechter“) sondern auch von der Frage, wie weit man(n) gehen darf oder muß, um die Keimzellen des Eigenen (Ich, Körper, Familie, Staat) zu erhalten. Gutes Crystal Meth kochen -  krasswitzig. Zombies killen? Einfach notwendig. Remember: Survive! Selbstmordattentat? Nachvollziehbar, aber böse.

Der Trendbegriff des „Postheroismus“ bezeichnet  dabei weniger den Umstand, daß es nichts Heldenhaftes mehr gäbe oder bräuchte (nicht nur für Al-Quaida - und Isis-Krieger eine Frage der Perspektive) sondern bloß, daß der weiße, männliche Heterosexuelle sich als nicht besonders heldenhaft erwiesen hat. Ein aufgeblasener Loser, der den Einsturz der Türme nicht hatte verhindern können, Kriege nicht mehr gewinnt und dessen kriminell - egomane Grundkonstitution auch für Immobilienblasen und Weltwirtschaftskrise („Margin Call“, „Wolf Of Wallstreet“, „Big Short“) alleinverantwortlich zeichnet. Egos auf Pump. It’s a man’s man’s man’s world. Aber wer ist dieser Mann? Und wo waren die Ladies?

Der im Westen durch „Pussy Riot“ – Verfolgung und „Femen“-Proteste gestützte, schein-emanzipatorische Generalverdacht vom Mann als biologisch prädisponierten Aggressor paßt nur zu gut ins männerschmeichlerische Bild des evolutionär eingespielten Dream-Teams von "starkem Mann" und "schwacher Frau". Ob weißer Ritter oder potentieller Vergewaltiger, Hauptsache Chef.

War man in den Selbstermächtigungsversuchen  der Sufragettenbewegung  noch von der unbedingten Gleichheit aller Menschen ausgegangen, um die Bürgerrechte der Frauen zu erstreiten und ihre Diskriminierung zu bekämpfen, wurde später, trotz der Erfolge der Emanzipation, die  testosteron- gesättigte Neigung des Mannes zur Tyrannei  behauptet und am Bild der ausgebeuteten, schwachen Frau festgehalten.

In Deutschland nach 45 diente dieses Festhalten auch der Schuldabwehr der deutschen Frau. Zur Trümmerfrau verklärt, wurde sie jeder Mitverantwortung am Nationalsozialismus enthoben und Krieg und Faschismus zur reinen Männerangelegeheit gemacht. Als hätten in Deutschland nur Männer Hitler gewählt und der Enteignung, Verschleppung und millionenfachen Tötung billigend zugesehen. Auch wenn in jüngeren TV - Produktionen wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ der Versuch unternommen wurde, die „Väter“ als Opfer schicksalshaft- entfesselter Kriegswirren zu entschulden und dafür Krankenschwestern und Sängerinnen die Verantwortung für Denunziation, Mitläufertum und Drittes Reich zuzuschieben, ist dieses Gentlemanagreement zum  Kräfteverhältnis der Geschlechter bis heute ausschlaggebend für die Sicht auf Frauen, auch in politischen Führungspositionen.

Im Fall von Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich so lange Zeit beobachten, wie die bloße Geschlechtszugehörigkeit der Kanzlerin sie scheinbar vor einer sachlichen Kritik ihrer Politik immunisierte. Sie konnte es als Frau gar nicht schlecht meinen. Machthunger und Herrscherwillkür sind ihre Sache nicht. Oder doch? Die sexistische Gleichsetzung von „Frau“ und „Mutter“ eint seitdem Befürworter und erbitterte Gegner der Kanzlerin in ihrer mutterkomplexhaft-verzerrten Wahrnehmung der Personalie Merkel und ihrer Politik der sozialen und europäischen Spaltung. Der so für politische Sachlagen verstellte Blick bringt über den Umweg einer verfehlten, weil verspäteten Einwanderungspolitik der Bundesregierung den Typus des reaktionär-eingeschnappten Möchtegernpatriarchen wieder auf die politische Agenda: Ob Victor Orban, Jaroslaw Kaczynski, Horst Seehofer oder Alexander Gauland. Sekundiert von rechtsextremen Töchterfiguren wie Marine Le Pen, Frauke Petry und Beatrix von Storch schießen die Chauvinisten wieder wie Pilze aus dem europäischen Boden. Daß es zuletzt ausgerechnet der mutmaßliche IS-Waffenlieferant Recep Tayyip Erdogan sein soll, dem die "Rettung des Abendlandes" vor „Flutung“ durch „Flüchtlingsströme“ anvertraut wird, ist eine bizarre und für die Errungenschaften der europäischen Aufklärung (Demokratie, Meinungs-  Presse- und Religionsfreiheit, Gleichberechtigung) fatale Pointe der Amtszeit Angela Merkels.

Während in Good Old Europe die soziale Frage wieder nationalistische Blüten treibt, hat sich als US-amerikanische Variante des rächenden Chauvis der verbal-amoklaufende Unternehmenserbe Donald Trump als attraktive Alternative zur „bösen Mutter“ Hillary Clinton in Stellung gebracht.
  Dabei erweist sich das amerikanische Narrativ Hollywoods wieder ganz auf Höhe mit dem Weltgeist. Glaubt man den neuesten Erkenntnissen der Traumfabrik, handelt es sich beim Imageproblem der weißen Hete vor allem um die Geschichte eines Verrats.
In „The Revenant“ muß Papa, nach dem Dolchstoß durch das ewig  Animalische (Achtung: wütenden Grizzly-Mutter! Wer sonst?) von seinen Geschlechtsgenossen im Stich gelassen, erst ins Erdloch, bevor er als Rächer seinen Weg zurück in die Zivilisation finden kann. Alejandro González Iñárritu erzählt die Rückkehr des Helden dazu als naturgewaltiges Stummfilm- Epos zwischen Passionsgeschichte und Wiedergeburt. Nachdem er im letzten Jahr mit „Birdman“ den gefallenen Superhelden als Knallcharge noch nackt über den Timesquare gejagt hatte, läßt er die geschundene Männerseele jetzt stundenlang durch die Wildnis robben, bevor sie wieder den aufrechten Gang erlernt. Funfact: Er steht nur für gefühlte 15 min. Oscarreif.

Altmeister Ridley Scott begibt sich für seine Version der Space - Odysseen der letzten Jahre („Gravity“, „Interstellar“) auf den Lieblingsplaneten männlicher Selbstfindung: Den Mars. Nach einem Planeten-Sturm (Ehestreit?) mutterseelenallein in der verrosteten  Einöde zurückgelassen, muß sich „Der Marsianer“ erst in Demut üben, aus Exkrementen Kartoffeln machen und im Schnelldurchlauf Kultur erfinden, bevor er von der reumütigen Kommandantin wieder ins Mutterschiff geholt wird. Nabelschnur included.

Im Reboot seiner Endzeit-Familienaufstellung „Mad Max – The Fury Road“ läßt George Miller Titelheld Max Rockatansky wieder belastungsgestört am Verlust seiner  Familie leiden. Gespiegelt wird die Trennung von Frau und Kind diesmal in der Figur des liebeskranken Wüsten-Despoten Immortal Joe. Damit treibt Miller die lust-angstbesetzte Identifikation mit dem islamistischen Aggressor in surreale Höhen. Dem Übervater ist nämlich sein Harem abhanden gekommen. Rasend vor Eifersucht versucht er mit einer Armee gebleachter Gotteskrieger seine Besitzansprüche geltend zu machen, um auch weiterhin Wasser in Muttermilch verwandeln zu können. (Oder war es Öl?) Aber seine Sexsklavinnen haben unter Führung der Hard Butch-Amazone Furiosa längst die Flucht ins gelobte Land (Matriarchat) angetreten und in Max einen zwar mundfaulen aber lernwilligen Begleiter gefunden. So weit, so queer. Nach knackig durchchoreographierter Endlosverfolgungsjagd (Willy Bogner für Cineasten) ist es dann soweit: Das Matriarchat ist ausgetrocknet, das fruchtbare „Grüne Land“ versumpft, das weiche Wasser sauer. Dann also den Rückwärtsgang einlegen und zur Palastrevolution via Vatermord (Faster Pussycat! Kill!Kill!Kill!) wieder nach Hause fahren. Warum nicht gleich so? Nach der Machtübernahme verschwindet der geläuterte Held in der Menge des entrechteten Mobs und hat schließlich seine Lektion gelernt: Liebe ist kälter als der Tod und nur etwas für alte Männer und spätpubertierende Wüstensöhne. Witness!

Wegen seines für die bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen beinah visionären Gehalts sei abschließend „Star Wars – The Force Awakens“ hervorgehoben: Achtung, Spoileralarm! Auf der Suche nach dem verschwundenen Luke Skywalker, muß zunächst der sympathische Stenz und Macho-Loner „Han Solo“ (wie immer in Tierbegleitung seines Buddys Chewbacca) vatermordbedingt den Löffel abgeben, bevor der schwarze Renegat und Osama/Obama-Stellvertreter Finn abzutreten hat, damit die weiße Heldin (Hilla-rey) „die Macht“ übernehmen und dem effeminierten Hanns-guck-in-die-Luft (jetzt auch mit Bart) Luke endlich sein Zepter bzw. Laser-Schwert zurückgeben kann. Wird der Jedi die Herausforderung annehmen? Fortsetzung folgt. Leider erst 2017. Dann doch lieber gleich Trump wählen. Er hat auch eine Frisur. Und große Hände. Und seine Tower stehen noch.




ZU BESUCH BEI OPA EHRLICH

erschienen in Nido, Februar 2016

Also, die Sache mit Opas Namen war folgendermaßen: Opa Ehrlich hieß eigentlich gar nicht Opa Ehrlich sondern Erich. Aber weil Timo im zarten Alter von ungefähr zwei oder drei, wohl etwas falsch verstanden hatte - und wer von uns hat im zarten Alter von ungefähr zwei oder drei wohl nicht auch so einiges falsch verstanden – hatte Timo eines Tages auf Papas Ankündigung, heute mal wieder Opa zu besuchen, laut von seinem Kindersitz im Auto gerufen: „Jaaa! Opa Ehrlich!“ „Genial!“, hatte Papa gesagt und Mama neben ihm schallend gelacht. Timos Großvater war nämlich eher das Gegenteil von ehrlich. Das wußte jeder. Er flunkerte gern und dachte sich immer alle möglichen Quatschsachen aus. So zum Beispiel, als er einmal zu Weihnachten darauf bestanden hatte, eben den Weihnachtsmann gesehen zu haben, wie der mit seinem Schlitten über’s Haus geflogen sei, obwohl Opa doch selbst, erst kurz zuvor, als Weihnachtsmann verkleidet bei ihnen im Wohnzimmer gestanden und die Geschenke verteilt hatte. Ts, Opa halt! Aber das war ja noch harmlos. Viel lustiger waren die Geschichten, die Opa sich einfallen ließ, wenn Timo ohne seine Eltern bei ihm zu Besuch war. Dann erzählte er gern ausführlich von seiner Zeit als Yedi-Ritter und Erfinder der ersten Rauchzeichen, wie er auf einer schwimmenden Insel Feuerwehrmann in einer Drachenfarm gewesen war oder mit Oma Pferde gestohlen hatte. Seit Oma vor ein paar Jahren gestorben war, lebte Opa Ehrlich allein in dem alten Bauernhaus auf dem Land und immer wenn Timo ihn an Wochenenden oder in den Ferien besuchen kam, gab es jede Menge zu tun. In den Wald gehen, Pilze sammeln, Stöcker schnitzen, Angeln, den Sonnenuntergang beobachten oder „Cowboy und Indianer“ spielen. Letzteres ging allerdings nicht so gut, weil Opa sich gern immer irgendwo hinsetzte und zu erzählen begann.

Mit der Zeit hatte Timo sich daran gewöhnt, daß sein Großvater es mit der Wahrheit nicht so genau nahm und auch wenn der sich für seinen Enkel immer neue Geschichten ausdachte, war Timos Begeisterung für Opa Ehrlichs Abenteuer deutlich zurückgegangen. Außerdem hatten sich Timos Interessen, von Fußball und Skaten abgesehen, allmählich von draußen nach drinnen verlagert. Und so kam es, daß Timo, kurz vor seinem zehnten Geburtstag, in den Herbstferien bei Opa Ehrlich zu Besuch, in einen Comic vertieft war, als er den Alten aus der Küche rufen hörte: „Mensch, das gibt’s ja nicht!“

Timo blieb cool.

„Junge, komm mal schnell! Da steht ’n Elefant im Garten!!“

„Natürlich!“

„Ehrlich jetzt!“

Timo mußte lachen: „Ja, klar Opa. Warum nicht gleich ein Säbelzahntiger?“

Als Timo noch klein gewesen war, hatte er sich immer einen Säbelzahntiger als Haustier gewünscht. Das wußte Opa. Der hatte ihm damals erzählt, daß er selbst als junger Mann in China Säbelzahntiger lebendig gefangen und gezähmt hatte, um sie vorm aussterben zu bewahren. Da hätte er dann übrigens auch Oma kennengelernt. In China.

„Also für n Säbelzahntiger ist er eindeutig zu dick. Außerdem ist er ganz schön grau geworden. Gut, das mit den Stoßzähnen könnte hinhauen. Aber die Ohren...“

„Säbelzahntiger sind ausgestorben, Opa!“

„Das weiß ich! Schließlich war ich dabei. Ist ja auch kein Säbelzahntiger, sondern ein Elefant!“

Timo stöhnte, legte den Comic beiseite und ging in die Küche. Sein Großvater war über die Spüle gebeugt und starrte aus dem Fenster nach draußen.

„Ein Elefantenbulle! Das erinnert mich daran, wie ich seinerzeit dem Sultan von Karmasuta geholfen habe, eine Herde entlaufener Jungbullen...“

„Schon gut, Opa. Ich bin ja jetzt da.“ Timo stellte sich neben ihn auf die Zehenspitzen. Als er über die Spüle nach draußen guckte, traf es ihn wie ein Schlag.

„Opa, d-d-da steht ein E-e-elefant im Garten!!“

„Sag ich ja!“

Timo wurde von seinem Großvater auf die Anrichte gehoben. Dann schauten beide nach draußen. Ein ausgewachsener Elefantenbulle stand stolz, mit majestätisch-weißen Stoßzähnen in Opas Garten und blickte zu ihnen herüber.

„Aber wo kommt der denn her?! Ich mein, was macht der hier?!“

„Keine Ahnung, Junge. Aber soviel ist klar: Er friert.“

Tatsächlich. Der Elefant hatte zu schlottern begonnen. Und ängstlich sah er nicht gerade aus. „Paß auf,“ sagte Opa Ehrlich, der aufeinmal ganz klar war, „du ziehst dir jetzt deine Jacke an und nimmst soviel Äpfel, Bananen und Gemüse mit wie du tragen kannst. Ich hol die alten Decken aus dem Keller und wir treffen uns vorn bei der Haustür.“

Timo war sprachlos. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so aufgeregt gewesen zu sein. Ein echter Elefant! Bei Opa im Garten! Er hatte gerade alles, was er an Bananen, Äpfeln, Mohrrüben und dergleichen in der Küche hatte finden können, in seine Jacke gestopft, als Opa Ehrlich mit einem Haufen Decken unterm Arm die Haustür öffnete. „Na, dann wollen wir mal!“ Sie gingen ums Haus. Die letzten Tage waren stürmisch gewesen und der Herbstwind hatte das Laub von den Bäumen geweht. Überall lagen die Blätter in rot-gelb-braunen Herbstfarben auf der klammen Erde.

Als die beiden den Garten betraten, stand dort der Elefant immer noch seelenruhig, aber vor Kälte zitternd vorm Küchenfenster. „Der ist ja riesig!“ Opa ließ die Decken auf den laubbedeckten Boden fallen und machte kehrt. „Du wartest hier!“ Timo wurde mulmig. Er hatte noch nie einen so großen Elefanten gesehen. Schon gar nicht in freier Wildbahn. Besonders gefährlich sah er zwar nicht aus, aber Timo blieb trotzdem sicherheitshalber auf Abstand. Der Elefant hatte sich gerade zu ihm umgedreht und mit seinem Rüssel zu winken begonnen, als Opa Ehrlich mit einer Klappleiter zurückkam. „Na, ihr habt euch ja schon angefreundet. Dann kann’s ja losgehen.“ Und das war der Plan: Während Opa die Leiter hochkletterte, um dem Elefanten die Decken umzulegen, sollte Timo die Fütterung übernehmen. Und genauso wurde es gemacht. Vorsichtig reichte Timo dem Elefant die mitgebrachten Speisen, die der mit seinem Rüssel behutsam entgegennahm und dann genüsslich verdrückte. Wie zutraulich er war! Oder einfach nur hungrig. Nachdem der Elefant sich halbwegs satt gegessen hatte und schließlich ganz von Decken umhüllt war, stieg Opa Ehrlich von der Leiter und stellte sich stolz neben seinen Enkel. „Mission erledigt.“

„Und was jetzt?“, fragte Timo, fast etwas enttäuscht.

„Jetzt gehen wir erstmal wieder rein und finden raus, was es mit unserem Freund hier auf sich hat. Wahrscheinlich ist er aus irgendeinem Zirkus abgehauen.“

Timo schmunzelte. „Oder er gehört dem Sultan. Und ist Dir nachgelaufen!“ Opa Ehrlich nickte zufrieden. „Gut möglich. Aber weißt Du was? Vorher machen wir noch ’n Photo! Findest Du nicht, daß er mit den Decken aussieht wie ein riesiger Säbelzahntiger?“

„Oah, Opa!!“




ROCK’N’RIMBAUD

erschienen am 22.6.2015 im Feuilleton der FAZ

Die Musikerin Patti Smith kommt zum 40jährigen Jubiläum ihres legendären Debut Albums „Horses“ auf Tournee. Von Jochen Distelmeyer

Das letzte Mal gesehen hab ich sie im Oktober 2014. Als Patti Smith mit ihrer Tochter Jesse Paris Smith und dem New Yorker Soundwalk Collective die Nico-Tribute-Performance „Killer Road“ an der Berliner Volksbühne aufführte, war es als wäre eine Königin heimgekehrt. Nicht nur das Publikum, das Haus selbst, auf dessen Bühne sie im Halbdunkel stehend letzte Gedichte der vor der Zeit verstorbenen „Velvet Underground“- Sängerin vortrug, von Videos und Fieldrecordingcollagen in Szene gesetzt in die Texte hinabstieg wie in Totenreiche, schien nur auf sie gewartet zu haben. Die Gralshüterin eines schamanistischen, dem Glauben an das Heilende, Rettende der Musik verpflichteten Rockideals, hatte zu einer Seance geladen, die die autoaggressiven Trancebemühungen vergangener Castorf-Schlingensief-Vinge- Inszenierungen aussehen ließ wie unaufgeräumte Kinderzimmer. Mami’s back. Mit ihren kunstvoll entwickelten Rezitativen erinnerte Smith an diesem Abend an ein Versprechen, durch das die Volksbühne stilbildend zum Wallfahrtsort eines postdramatischen Exorzißmus avanciert war: Die Erlösung des Sprechtheaters aus dem Geist des Rock’n’Roll. Allerdings stand die Musikerin damit auch für ein Menschenbild ein, zu dessen Vorstellungen von „Seele“, „Selbst“, „Liebe“, „Wahrheit“ und dergleichen die Zauberlehrlinge der Postmoderne bis zur Denunziation auf Distanz gegangen waren. Solange bis ihr emanzipatorischer Eifer die Bühne zum Bootcamp für durchtrainierten Selbstbezichtigungsklamauk runtergerockt hatte. Die treuhänderische Enteignung und Abwicklung des Ostberliner Voodootempels zum gutvernetzten Sammelsurium sozialdemokratischer Gleichschaltungsphantasien erscheint folgerichtig, ist aber eine andere Geschichte, die demnächst als Rührstück vom Ende einer Ära unter Krokodilstränen aufgeführt wird. Motiv: Kunsthass. Titel: „Weltkulturerbe in der Hand von Terroristen. Oder: Denn sie wissen nicht was die Arbeit ist.“

An diesem Abend war die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz noch einmal der ideale, von Geist wie Spirit getragene Raum für die Smithschen High End - Meditationen zum Thema „Circle of Life“. Von Möwengeschrei und Meeresrauschen, Windspiel- und Waterphoneklängen begleitet folgte man der Sängerin gebannt durch die lyrischen Unterwelten ihrer Kollegin und am Ende der knapp anderthalbstündigen Nachtmeerfahrt, die letzten Mantren und Soundwellen waren verklungen, herrschte für einen langen Moment Stille im Theaterraum. Niemand wagte zu klatschen. Als wäre es Frevel. Dann der erste schüchterne und gleich darauf brandende Applaus des wie aus Hypnose erwachten Publikums und unter den stehenden Ovationen verließ Smith mit ihren Begleitern ein letztes Mal winkend die Bühne.

Von Sam Cooke heißt es, er habe ein Kompliment zur Schönheit seines Gesangs dankend mit dem Hinweis zurückgewiesen, man solle die Qualität einer Stimme nicht nach ihrem Wohlklang, sondern danach beurteilen, ob sie uns glauben macht, daß sie die Wahrheit sagt. Wenn Patti Smith in diesem Sommer zum 40jährigen Jubiläum ihres Debut-Albums „Horses“ mit ihrer Band auf Tournee geht, wird man sich nirgends besser von der Gültigkeit des Cookeschen Diktums überzeugen können. Ob mit ihrem an amerikanischer Beatliteratur, Bob Dylan und Jim Morrison geschulten Deklamationstil, dem atemlos-treibenden Sprechgesang, ihren wehmütig-hymnischen Chants und Wiegenliedgesängen oder den maximal druckvollen Shouts einer wütenden Squaw: Smiths Vokalkunst ist reinste Überzeugungskraft. Oder anders gesagt: Von Patti Smith lernen, heißt singen lernen. Allerdings bedarf es dazu gänzlich anderer Einübungen und Skills als die eines hilflos-technokratischen Kolloraturdrills, wie er seit Whitney Houston, Mariah Carey und Christina Aguilera - als quasi klanggewordenes Abbild postfordistischer Flexibilitätserwartungen - durch Charts und Castingshows geistert und Stimmschwächere in der Selbstentfremdung des Autotune Schutz suchen läßt. Auch der vermeintliche Gegenentwurf einer rückwärtsgewandten Instant-Soulfulness a la Amy Winehouse, Aloe Blacc oder Sam Smith, erweist sich schnell als Produktvariante des flexibilistischen Stahlbads, von dem die Beschwichtigungsnebel der Retrokultur aufsteigen und anpassungsunwillige Probanden (I said: No, No, No!) der Opferung zuführen. Während beim Sängertypus „weiße Frau“ wieder vermehrt auf Relaunch-Versionen der „Heilige/Hure“-Standards „toughe Röhre“ oder „weirdes Seelchen“ zurückgegriffen wird, hat sich bei den Jungs, als unschöner Effekt heteromännlicher Selbstreflexion, das Klangbild des mitleidheischenden Jammerns und Harmlostuens durchgesetzt. In diese Gemengelage ungeklärter Geschlechter- und Produktionsverhältnisse hinein sendet Smith ihre überzeugungskräftigen Signale gegen jede Form von Unmündigkeit. Den Verunsicherungen anhaltend prekärer Beschäftigung und einer beispiellosen Verteilungsungerechtigkeit der postdemokratischen Spätmoderne begegnet die Sängerin mit ihrem stoischen Votum für zwei scheinbar aus der Zeit gefallene Klassiker des „Es – sich – nicht – länger – gefallen – lassens“: Nonkonformismus und Selbstermächtigung. Auch wenn das künstlerische Profil der Rock - und Fashionikone Smith zwischenzeitlich (Ann Demeulemeester hin, Limi Yamamoto und Christophe Decarnin her) eine gewisse Manufactum-Patina („Es gibt sie noch die guten Dinge“) angesetzt hatte, ist es dieses Insistieren auf den Kardinaltugenden des Punk, dem Rohstoff aller Jugend- und Befreiungsbewegungen, das Smith nicht nur für jüngere Kolleginnen wie Feist, Lorde, Lady Gaga oder Miley Cirus zur Bezugsgröße der Stunde macht. In Zeiten einer bis zur Normopathie gesteigerten Anpassungskultur (Socialmediadienste wie Linkedin, Facebook, Tinder und Twitter als Rudelbildungs- und Konformitätsmaschine für Selbsterschöpfte) ist das „Saper aude!“ des „Rock’n’Roll Niggers“ Smith der Nektar, der ihre Konzerte zu euphorisch gefeierten Erweckungserlebnisse für Aussteigewillige aus der Multioptionsgesellschaft macht. „Outside of society - That’s where i wanna be!“

„Jesus died for somebody’s sins, but not mine.“ Mit diesem Schlachtruf eröffnet die Patti Smith Group 1975 ihr erstes Album „Horses“. Eine Unabhängigkeitserklärung. Und klare Chefansage. So wie das schlichte, schwarzweiß gehaltene, längst ikonisch gewordene Coverportrait der Künstlerin von ihrem Freund und Partner Robert Mapplethorpe, das Smith als schüchtern-coole Rockamazone in Wartestellung zeigt und ihren späteren Ruf als Stilikone begründen sollte. Das von John Cale (Velvet Underground) in Jimi Hendrix’ „Electric Lady“- Studio produzierte „Horses“, markiert den Übergang von Beatnik-, Rock-, und Hippiekultur zu Punk und gilt zu recht als Meilenstein des frühen amerikanischen New Wave. Drei weitere Alben – das mit seinen Agit- und Hardrockreminiszenzen (MC5/Blue Öyster Cult) von der Kritik unverstandene, dunkel schwingende „Radio Ethiopia“, Smiths durch ihre Zusammenarbeit mit Bruce Springsteen („Because the Night“) und Jimmy Iovine (Produktion) etwas plump geratener, größter Chartserfolg „Easter“ und schließlich das von Todd Rundgren einfühlsam poppig produzierte „Wave“ - sollten bis 1979 folgen, bevor sich die Sängerin überraschend aus der Öffentlichkeit zurückzog, um mit ihrem späteren Ehemann, dem MC5 Gitarristen Fred Sonic Smith in Detroit zusammenzuleben und dort die gemeinsamen Kinder Jackson und Jesse großzuziehen. In diese Zeit fällt lediglich das von Fred Sonic Smith produzierte und co-geschriebene „Dream of Life“ von 1988, das vom Tod Robert Mapplethorpes und ihres Keyboarders Richard Sohl überschattet wurde. Nach dem Tod ihrer „letzten Liebe“, Fred Smith starb 1994 an Herzversagen, kehrte Smith auf die Bühne zurück und veröffentlichte seitdem sieben Alben, zuletzt das 2012 erschienene, ziemlich großartige „Banga“. Für viele ihr bestes seit „Horses“.

„Jesus died for somebody’s sins, but not mine“. Dieser programmatische, erste Satz ist aber nicht nur Ausdruck der kompetitiven Selbstbestimmung der Künstlerin, sondern auch Eingeständnis einer Kränkung. Des Gefühls, ausgeschlossen zu sein von der Liebe und Gnade des Gottesohnes. Das ist es, was der Suche der Schamanin, dem Schaffen der Sängerin, Dichterin und Performerin Smith seine Dynamik verleiht und sie immer wieder in die Nähe des Todes anderer Außenseiter, Künstler, Ikonen und Wegbegleiter geführt hat. „Killer Road“ ? Aus dem Dunkel dieser Erfahrung von Liebe, Trauer und Schuldhaftigkeit speist sich das Know How der Mystikerin und Musikerin Smith. Ihre Begabung. Ihr Mut und Mitgefühl, ihr kämpferisches Pathos, ihre Spiritualität, Wut und kindliche Hingabe, die Standhaftigkeit und ungeheure Intensität ihrer Erscheinung, durch die wir uns in ihr wiedererkennen können. Nennen wir es Aura. Dazu: Das Arbeitsethos der Lyrikerin, ihre Bereitschaft, die Welt auf ihre Bedeutungsreize hin zu überprüfen, das Zeichenhaften von potentiell allem in den Blick zu nehmen und auf sich wirken zu lassen, dem Ruf des Göttlichen also zu folgen, der da lautet: „Daß es etwas bedeutet“, ist selber Animierung des Göttlichen und seine Verankerung in der Welt durch die Kunst.

Ich wäre an diesem Abend in der Volksbühne fast zu spät gekommen. Tatsächlich war ich eher unwillig einer Einladung zu der „Killer Road“ - Performance gefolgt. Nach Jahren phasenweiser, immer wieder intensiver Beschäftigung mit ihrem Werk, hatte ich das Gefühl gehabt verstanden zu haben - worum „es“ geht - und geglaubt, ihr Ding für mich abhaken zu können. An die Stelle meiner Begeisterung für Songs wie „Birdland“, „Horses“, „Radio Ethiopia“, „Dancing Barefoot“ und „Frederick“ war mit der Zeit eine zunehmende Skepsis („Beware of Darkness“) getreten, die mich nicht als Fan, eher wie ein kritischer Beobachter zu der Aufführung gehen ließ. Kaum hatte ich aber den Saal betreten und auf den überfüllten Stufen im Zuschauerraum Platz genommen, als mich ihre Präsenz, mit der Smith selbst im Flüsterton, unter Harmoniumklängen und Vögelgezwitscher, den Raum erfüllte, ihr Vibe, wieder ganz für sie eingenommen und in den Bann gezogen hatte. Die soghaften Soundwelten ihrer Begleiter und Smiths bewegender Vortrag der Nico-Gedichte, die Virtuosität, mit der sie der Toten ihre Stimme lieh und den Texten Leben einhauchte, ließen mich dabei an einen anderen, früheren Song von ihr denken. Den einzigen, den das Ehepaar Smith gemeinsam „eingesungen“ hatte: Das in seiner Einfachheit erhabene „It takes time“ von 1991, in dem Patti und Fred Smith, wie Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies, von den Unwägbarkeiten des Lebens und der Liebe erzählen; und das klingt wie ein frühes Vermächtnis: It takes time.

Ich fühlte mich an diesem Abend beschenkt von der gebenden Künstlerin Patti Smith. Und so sind diese Zeilen (geschrieben zum dauerrotierenden „How much a dollar costs“ des derzeit größten amerikanischen Rhapsoden Kendrick Lamar) mein bescheidener, ungestümer Versuch einer Würdigung und Danksagung. Und Ausdruck der Freude darüber, daß sie da ist und uns am Ende eines ihrer Konzerte erneut zurufen mag: „Be happy. Be strong. Work hard. Don’t be afraid! And: Have Fun!!“




WAS IST COOL?

erschienen in Hohe Luft. Philosophie Zeitschrift, April 2016

Es ist auf jeden Fall sehr uncool, zu erklären, was cool ist. Also dann mal los: Cool ist, die Ruhe zu bewahren, sich nicht aus dem Konzept bringen oder verrückt machen zu lassen von der Crazyness um einen herum. Den Überblick bewahren und trotzdem nicht abgehoben zu sein, find ich cool. Sein Ding zu machen, egal was andere sagen, auch wenn es schwierig ist. Es ist cool, wenn man weiß was man will. Selbstkritisch sein finde ich auch cool. Nicht so zu tun, als sei man nicht Teil des Problems. Andere herabzuwürdigen, um sich selber aufzuwerten, ist definitiv uncool. Es zeugt von Schwäche und Angst. Die Bereitschaft auf andere zuzugehen, offen zu sein für Neues und Eigenschaften und Fähigkeiten anderer zu würdigen finde ich immer cool. Aber auch Grenzen setzen, wenn etwas nicht mehr cool ist. Generell Aufmerksamkeit gegenüber anderen. Hetze, Diskriminierung und Denunziation sind per se uncool. Mitläufertum und Opportunismus, nach oben kriechen und nach unten treten ist vielleicht ganz praktisch, aber auf jeden Fall uncool. Sich auf Kosten anderer zu bereichern oder Vorteile zu verschaffen ebenso. Reich sein finde ich generell uncool. Gier und Geiz sind uncool. Statussymbole auch. Armut schockt zwar nicht, ist aber nicht uncool. Den Glauben an das Gute und die Hoffnung nicht aufzugeben und sich für Veränderungen einzusetzen, finde ich immer cool. Zu wissen, dass es immer irgendwie weiter geht, kann helfen cool zu bleiben. Meine Freunde sind cool. Schlagfertigkeit kann cool sein. Arroganz kommt eher hilflos als cool. Leute die Charme haben sind meistens cool. Stolz und eine gewisse Zurückhaltung finde ich persönlich cool und sehr sexy. Manche denken, Cool sei, sich nicht die Blöße zu geben und sagen dann lieber gar nichts. Das ist dann eher langweilig. Denzel Washington ist cool. Robert de Niro ist, glaub ich, eher schüchtern. Lemmy war cool. Mae West. John Wayne. Marlene Dietrich. Epikur und Marc Aurel müssen ziemlich cool gewesen sein. Iggy ist es immer noch. Joni Mitchell. Grace Jones. Phillip Guston und Per Kirkeby. Cool sein zu wollen ist natürlich grundsätzlich uncool. Sich nicht so ernst zu nehmen, find ich viel cooler. Sogar albern sein kann cool sein. Sich auf jemanden verlassen können ist natürlich cool. Ich finde es cool, wenn man für etwas einsteht. Das hat etwas mit Liebe zu tun. Auch wenn Liebe natürlich erstmal nicht cool ist. Man kann sie kalt sehen, aber nicht kalt erleben. Vergebung kommt aus der Liebe und ist cool. Rache und Hass kommen auch aus der Liebe, sind aber feige Formen der Trauer und ausgesprochen uncool. Loslassen können ist deshalb cool. Gewalt ist immer uncool. Auch wenn sie manchmal notwendig ist, wenn andere weniger cool sind als man selbst. Der Hass auf den Straßen und im Netz ist natürlich mega-uncool. Das Internet generell ist uncool. Es verbraucht zuviel Energie. So uncool wie die Büchse der Pandora oder ein in die Breite gebautes Babel. Die Idee des Rechtstaats hingegen ist cool. Dass er durch TTIP ausgehöhlt werden soll nicht so. Musik ist natürlich mega-cool! Eigentlich alle Künste. Ich finde „Lernen“ cool. Etwas neu können oder verstehen, das man vorher nicht wußte oder konnte. Fehler zuzugeben, find ich cool. Daß alles mit einander verbunden ist, ist unfassbar cool. Auch wenn es manchmal zu viel ist. In dem, was kompliziert scheint, das Einfache zu sehen, es sich aber nicht zu einfach damit zu machen ist definitiv cool. Das sind eigentlich alles Selbstverständlichkeiten. Und daß das so ist, find ich erstmal cool, auch wenn ich den Eindruck hab, daß wir uns in eine Richtung bewegen, die alles andere als cool ist. Grundsätzlich ist Coolness eine Währung wie Ehre, mit der Unterbezahlung kompensiert wird, wenn man zum Beispiel sein Leben für etwas auf’s Spiel setzt. So wie Ritter oder Soldaten. Wirklich cool ist, wer sich nicht darum schert, ob etwas cool oder uncool ist.